Lehrermangel und Inklusion in Mecklenburg-Vorpommern

„Die Situation an den Schulen des Landes hat Potenzial, Wahlen zu entscheiden.“ schreibt die OZ vom 24.06.2019 und trifft damit den Nagel auf den Kopf: die Bildungsexperimente der vergangenen Jahre legen zunehmend ihre Schwächen offen – mit verheerenden Folgen für die Schüler.

Mit einem Brandbrief wandte sich die Wismarer Integrierte Gesamtschule „Johann Wolfgang von Goethe“ an den Landtag und prangerte die unhaltbaren Bedingungen an der Schule an, welche vor allem dem Lehrermangel zuzuschreiben seien – Stundenausfall, fehlende Betreuung der Kinder, Überlastung der Lehrkräfte. Dieser Fall reiht sich ein in die traurige Masse an Beschwerden und Klagen von Gewerkschaften, Lehrern, Eltern und Schülern.
Dabei brach die jetzige Situation nicht wie eine biblische Plage über die Schulen Mecklenburg-Vorpommerns herein, sondern war schon lange absehbar. Beginnend bei den Pensionierungen von Lehrkräften – welche in den kommenden Jahren die Lage noch verschärfen wird – bis hin zu den hohen Abbrecherquoten bei Lehramtsstudenten konnte jeder Bildungspolitiker die Entwicklung verfolgen.

Lehrkräfte zaubert man nicht aus dem Hut. Es dauert Jahre, bis aus einem Studienanfänger eine ausgebildete Lehrkraft geworden ist. Doch die Frage, ob der frischgebackene Lehrer vor dem Hintergrund der Bildungsexperimente sein ganzes Arbeitsleben lang als Lehrkraft tätig sein wird, ist damit nicht beantwortet. Im besten Fall ist ein Lehrer 30 Jahre und länger in seinem Beruf tätig. Doch hier liegt der Knackpunkt. Durch Überlastung und katastrophalen Zuständen an den Schulen gehen vermehrt Lehrer in Frühpension oder steigen aus dem aktiven Lehrbetrieb aus.

Die Schuld aber allein an den schon praktizierenden Lehrern zu suchen, greift zu kurz. Die schon erwähnten Abbrecherquoten von Studenten müssen nachdenklich stimmen. Vor allem die oftmals geäußerte Kritik seitens der Studenten, das Studium habe wenig Praxisbezug, ist nicht neu – ebenso wie die Beobachtung, dass viele Studienanfänger mit den falschen oder zu hohen Erwartungen an die Universitäten gehen. Beiden Fällen könnte man mit Praktika an Schulen vorbeugen und so angehende Studenten wie bereits Studierenden den Schulalltag näherbringen. Doch wer soll sie betreuen? Etwa jene Lehrer, welche sowieso schon überfordert sind? Es mangelt nicht an Ideen, doch stößt man immer wieder auf dieses eine Problem: es gibt einfach nicht genug Lehrkräfte – und wenn, sind sie so ausgelastet, dass weitere Aufgaben ihnen nicht aufgebürdet werden können. Die Antwort auf solche Fragen bleibt das Bildungsministerium bis zum heutigen Tag den Bürgern Mecklenburg-Vorpommerns schuldig.

Die Inklusion, das ideologische Wunderkind des linksliberalen Establishments, droht zu einer der Schicksalsfragen der Bildungspolitik Mecklenburg-Vorpommerns zu werden. Bislang ist es nur die AfD, welche die Inklusion kritisiert, die Debatte in der Politik am Laufen hält und sich für den Erhalt von Förderschulen ausspricht. Dass die Kritiken von Lehrern und Schulen zur Inklusion von allen anderen überhört werden, muss nachdenklich stimmen. Getreu dem Motto „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ werden Förderschulen eingestampft und Kinder mit besonderem Förderbedarf auf reguläre Schulen verteilt.

Spricht man mit Eltern von Kindern mit besonderem Förderbedarf, ist die Antwort meist dieselbe: „Erhaltet die Förderschulen!“. Es ist auch nicht schwer sich als Bürger vorzustellen, dass eben diese Kinder in eigens dafür vorgesehenen Schulen mit speziell dafür ausgebildeten Lehrern eine bessere Förderung erhalten als mit „Integrationslotsen“ oder anderweitigen Betreuern auf regulären Schulen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass im Falle von verhaltensauffälligen Kindern das Klassengefüge an regulären Schulen massiv Schaden nimmt.
Die Auswirkungen sind sowohl aus sozialer Sicht als auch aus Sicht des Bildungsideals fatal. Unweigerlich führt eine Verhaltensauffälligkeit zum Ausschluss aus dem Sozialen – gefolgt von Mobbing, Ignorieren und der sozialen Isolation. Ebenso schadet die regelmäßige Wuttirade oder andere Auffälligkeiten des einen Kindes dem Lernfortschritt der anderen. Geht es nach dem Willen der Inklusions-Ideologen, müsste der Betreuer jedes Mal das Kind beruhigen, also auf es einreden, aus dem Klassenraum gehen, wieder hineinkommen. Von Konzentration kann hier keine Rede sein. Lernen und Lehren braucht Ruhe und Disziplin.

Die Auswirkungen der Inklusion bleiben natürlich auch den Studenten und Studieninteressierten für Lehrberufe nicht verborgen. Zwar wäre es an dieser Stelle zu viel zu behaupten, dass die Inklusion den Lehrermangel Vorschub leistet, jedoch bleiben drängende Fragen unbeantwortet. Lehrern ist nicht geholfen, wenn sie auch in Zukunft mit diesen Unwägbarkeiten zu kämpfen haben. In der vergangenen Woche hat Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) vollmundig versprochen, den Bildungsstandort Mecklenburg-Vorpommern voranbringen zu wollen. In der momentanen Lage ein ambitioniertes Vorhaben. Solange die Förderschulen nicht erhalten bleiben sollen und die Inklusion weiterhin fortgesetzt wird, fragt man sich, was eigentlich genau vorangebracht werden soll.

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